Die 10 besten Gerichtsfilme

(und warum ich sie dafür halte )

„Also so sieht dann ein Gerichtsaal aus“

(Tom Cruise in „A few good men“ (Eine Frage der Ehre, 1992)).

Seit den ersten Stummfilmen gab es auch immer Gerichtsfilme (etwa „Trial Scene (1897), „Falsely accused!“ (1906); mit dem Aufkommen des Tonfilms war das Genre nicht aufzuhalten.

Warum auch nicht? In unserer heutigen Gesellschaft werden Konflikte nicht mit dem Schwert in der Hand ausgetragen sondern bei Gericht, und während unerwartete Schätze kaum noch darauf warten geborgen zu werden, kann man (zumindest in den USA) in spektakulären Klageverfahren Millionensummen gewinnen. Ein Gerichtsverfahren liefert sofort Auseinandersetzung, Spannung, Leidenschaften-kurz gesagt: instant drama.

Auf der anderen Seite sind Gerichtsverfahren allerdings langatmig, es wird unglaublich viel geredet und geschrieben. Die juristische Auseinandersetzung läuft über verbale und nicht über visuelle Kommunikation. Das macht Gerichtsprozesse erst mal unfilmisch und verleiht dem Genre eine immanente Sperrigkeit. Wer diese Hürde jedoch erst mal überwinden kann, wird mit einem dramatischen Geschehen belohnt, das große individuelle Konflikte mit sozialer Relevanz verbindet. Gerichtsfilme machen uns zum Teil des fiktiven Verfahrens, sie laden uns quasi ein, Teil des Gerichtpublikums zu sein; manchmal machen sie uns sogar zum Teil der Jury oder des Gerichts. Darüber hinaus bieten Gerichtsdramen mit ihren langen Dialogen und Monologen großen Schauspielerinnen und Schauspielern immer wieder Gelegenheiten, ihre besten Leistungen aus sich herauszuholen.
Es gibt Anwältinnen und Anwälte, die keine Gerichtsfilme mögen, weil sie das Betrachten als unbezahlte Arbeit empfinden. Mir geht es nicht so. Nicht nur finde ich es manchmal nach Feierabend einen schönen Trost, eine Blu-Ray einzulegen, um den heroischen Anwalt in seinem Kampf für Gerechtigkeit gegen alle Widrigkeiten obsiegen zu sehen. Man lernt auch einiges- über Gerichte, über das Recht und wie das Publikum sie wahrnimmt.. Die Darstellung in den Medien beeinflußt indirekt auch die Wirklichkeit. Das hat mich motiviert, meine 10 Lieblingsgerichtsfilme aufzulisten.

Top-Ten-Listen sind immer eine Spielerei, und jedes Spiel braucht ein paar Spielregeln. Meine (völlig subjektiven) Kriterien für die zehn besten Gerichtsfilme lauten daher wie folgt:

Gerichtsfilm ist nur ein Film, bei dem ein Gerichtsverfahren den zentralen Bestandteil und größten Teil der Handlung ausmacht.
Nicht als Gerichtsfilme im Sinne dieser subjektiven Bestenliste zählen auch solche, in denen es in erster Linie um die Darstellung historischer Ereignisse oder Hintergründe geht, und das Gerichtsverfahren nur ein Vehikel dafür darstellt. Thema eines Gerichtsfilm muss die Justiz sein.


Gut ist ein Gerichtsfilm, der eine relevante Erkenntnis über die Justiz vermittelt. Das muss keinesfalls bedeuten, dass ein guter Gerichtsfilm dokumentarisch sein muss. Mehrere der in der folgenden Liste aufgeführten Filme sind Komödien voller Klaumak und Gags, einer der Filme enthält auch Übernatürliches. Es geht darum, ob der Gerichtsfilm eine innere Wahrheit über das Gerichtswesen und seine Beziehung zur Gesellschaft enthält. Schlecht ist ein Gerichtsfilm, der Klischees über Richter, Anwälte, Straftäter wiederkäut und damit Schaden anrichtet.
Gut ist ein Gerichtsfilm, wenn es ein guter Film ist; dass heisst, dass die spezifischen filmischen Mittel in visuell bewegender Weise die Geschichte erzählen. Also: keine bloßen Talking heads, kein abgefilmtes Theater.

Alles wie gesagt willkürlich ausgewählte Kriterien, und natürlich habe ich längst nicht alle Gerichtsfilme auf der Welt gesehen.

Das sind in aufsteigender Reihenfolge -für mich- die zehn besten Gerichtsfilme:

  1. Eine noir- Komödie mit illusionsloser Sicht: Witness for the Prosecution (Zeugin der Anklage, 1957)

Inhalt:

London, 1952: Leonard Vole (Tyrone Power) wird beschuldigt, die reiche Witwe Emily French ermordet zu haben, mit der er befreundet war, und die ihn als Erben eingesetzt hatte. Voles deutsche Ehefrau Christine (Marlene Dietrich), die er als Soldat in Deutschland geheiratet hatte, spielt eine undurchsuchtige Rolle, die Voles Verteidiger, den brillianten und exzentrischen Anwalt Sir Wilfried Robarts (Charles Laughton) an ihrer Motivation zweifeln lässt.

Analyse:

Als die Agatha-Christie-Verfilmung 1957 in die Kinos kam, mussten die Zuschauer eine schriftliche Erklärung unterzeichnen, in der sie versicherten, dass sie das überraschende Ende nicht weitererzählen. Auch im Abspann wird das Publikum nochmals ausdrücklich aufgefordert, doch bloß nicht den Schluss an andere auszuplaudern. Ähnlich wie bei Hitchcocks „Psycho“ entfaltet der Film auch ohne den Überraschungseffekt seine Wirkung. Aber falls jemand ihn 60 Jahre nach seiner Uraufführung noch nicht gesehen haben sollte, wird hier versucht, alle Spoiler zu vermeiden (ebenso bei den folgenden Filmen).

Die Autorin der Vorlage, Agatha Christie ist vor allem für ihre Whodunit-Kriminalromane um Hercule Poirot und Mrs. Marple bekannt, aber sie war auch eine extrem erfolgreiche Theaterautorin. Mit „Witness of the prosecution“ hat sie ein luprenreines Gerichts-Drama geschrieben, dessen präzise Darstellung der Gerichtstaktiken das Drehbuch ohne größere Änderungen übernommen hat.

Der Regisseur des Films, Billy Wilder, ist vor allem als Komödienspezialist berühmt. Tatsächlich hat Wilder aber mindestens drei absolute Klassiker des „film noir“ geschaffen, nämlich „Double Indemnity“ (dtsch. Frau ohne Gewissen), „Sunset Boulevard“ (dtsch Boulevard der Dämmerung) und „Ace in the hole“ (dtsch Reporter des Teufels). Auch „Witness for the prosecution“ enthält, wie der englischsprachige Wikipedia-Eintrag für den Film zutreffend feststellt, deutliche „film noir“-Elemente.

Weil Wilder auf die noir-typischen Stilmittel wie ausdrucksvolle Schatten, exotische Kamerapositionen u.ä.verzichtet hat, sondern statt dessen zahlreiche Gags eingebaut hat, kann man den Streifen nicht wirklich als Film noir einordnen, sondern eher als Kriminalkomödie. Aber noirtypisch ist die Ambiguität der handelnden Charaktere und der zynische Blick, den der Film auf ihre Motive wirft.

Lustvoll zelebriert Wilder Pomp und Ritual des englischen Strafverfahrens. Die geschraubten Redeweisen („May it please my lord…“), die Rosshaarperücken, Wappen und Schwert an der Wand, alles wird breit vorgeführt. Wenn der Gerichtsdiener einen Zeugen aufruft, nimmt ein weiterer auf dem Flur den Ruf auf, um ihn an einen dritten weiterzugeben. Besser kann man den Anachronismus und die Umständlichkeit des Verfahrens nicht verdeutlichen.
Noch vor dem Vorspann wird die förmliche Aufforderung des englischen Gerichtswesens an die Anwesenden verkündet. Der Film wird so selbst zu einer Art Prozess, das Publikum verwandelt sich quasi in die Gerichtsöffentlichkeit.

Aber Wilder vergisst auch nicht, dass das Ritual die Gewalt des Strafens legitimiert (lange verharrt die Kamera auf dem Richtschwert an der Gerichtswand hinter dem Vorsitzenden). Und mit unbestechlichem Blick schaut er auf die ökonomischen Rahmenbedingungen der menschlichen Beziehungen, insbesondere das finanzielle Interesse von Leonard Vole an der Freundschaft der reichen Mrs. French und der Abhängigkeit seiner aus dem Nachkriegsdeutschland geflohenen Frau von ihm, und die Spannungsverhältnisse, die daraus entstehen.

Billy Wilders intelligente Bildsprache und die geschliffenen Dialoge werden von den fantastischen Hauptdarstellern unterstützt. Charles Laughton und Marlene Dietrich werden immer gerühmt, wenn von diesem Film die Rede ist, aber meines Erachtens wird sehr oft übersehen, wie zentral die Leistung von Tyrone Power für das Funktionieren des Films ist. Ohne seinen Charme würden wir keine Sympathie für Voles empfinden, und der Ausgang des Prozesses wäre uns gleichgültig; wenn er nicht gleichzeitig dubios und sogar etwas schmierig wirken würde, würden wir uns nicht fragen, ob er nicht vielleicht doch den Mord begangen hat, den man ihm vorwirft.

Der Film wirft unter dem Deckmantel der Krimikomödie einen scharfen Blick auf die wirtschaftlichen Bedingtheit von menschlichen Beziehungen und Gefühlen, und entlarvt zugleich auf intelligente Weise die Justiz als ein Ritual der Gewalt. Neben seiner handwerklichen Perfektion sind es diese untergründigen ernsten Themen, die „witness of the prosecution“ zu einem der 10 besten Gerichtsfilme machen.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:
Charles Laughton stützte seine Darstellung in diesem Film auf die Manierismen seines Londoner Rechtsanwalts, der regelmäßig mit seinem Monokel gespielt haben soll.

  1. Eine unvollkommene Tragikomödie mit Herz für Underdogs: .. And Justice for all ( Und Gerechtigkeit für alle, 1979)

Inhalt:

Der idealistische Anwalt Arthur Kirkland (Al Pacino) wird von der Baltimorer Justiz genötigt, den wegen Vergewaltigung angeklagten Richter Fleming (John Forsythe) zu verteidigen- den selben Richter, der früher einen unschuldigen Mandanten von ihm verurteilt hatte. Zugleich weiss er, dass Fleming schuldig ist. Dies stürzt Kirkland in einen tiefen moralischen Konflikt. Auf dem Höhepunkt des Films bricht es aus ihm heraus; in einer emotionalen Rede klagt er im Gerichtssaal das korrupte System an und offenbart die Wahrheit.

Analyse:

Niemand würde „…and justice for all“ als einen vollkommenen Film bezeichnen; der Streifen leidet an zahlreichen Mängeln. Besonders gravierend ist der Umstand, dass der Film zwischen komödiantischen Elementen -sogar Slapstickszenen- , dokumentarisch angehauchten Szenen und tragischen Momenten changiert, ohne dass eine kohärente innere Verbindung zwischen ihnen besteht.
Noch ärgerlicher: der Film leidet unter dem Makel, dass er als ein zentrales moralisches Problem inszeniert, dass Strafverteidiger:innen Mandant:innen vertreten müssen, von denen sie wissen, dass sie schuldig sind. Mein Rat an Anwält:innen, die darunter leiden, schuldige Angeklagte zu vertreten: überlasst die Strafverteidigung einfach den Profis. Zahlreiche minderwertige Gerichtsfilme stellen den Umstand, dass Strafverteidiger:innen gelegentlich auch schuldige Angeklagte vertreten müssen, als tiefgründiges ethisches Dilemma dar-was es nicht ist.

Aber „…and justice for all“ ist trotz seiner Defizite kein minderwertiger Gerichtsfilm, und das liegt an seinen Stärken.

Die Bilder aus den Gerichtsräumen und Gefängniszellen, die an den Originalschauplätzen aufgenommen wurden, bestechen durch ihre Authentizität.Der Film ist auch ansonsten großartig fotografiert und zeigt wunderbare Herbstbilder von Baltimore in den späten 70er Jahren.
Die schauspielerischen Leistungen sind hervorragend; John Forsythe (später bekannt aus Denver Clan) z.B. ist wunderbar hassenswert. Al Pacinos Rede am Schluss stellt ein absolutes Highlight dar; zu Recht einer der bekanntesten Monologe der Filmgeschichte.
Die größte Stärke des Films ist jedoch sein Herz; die ehrliche Sympathie die er für die im Justizsystem gefangenen Underdogs ausstrahlt. Und sein Herzblut lässt diesen unvollkommenen Film (ein typisches Produkt des sogenannten „New Hollywood“ der 70er Jahre) für mich besser da stehen als andere fehlerlose Justizfilme.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Während den Film in Deutschland so gut wie niemand kennt, ist er in den USA so berühmt, dass seine Schlußszene in den Fernsehserien „Die Simpsons“ und „The Big Bang Theory“ zitiert worden ist.

  1. Der lustigste juristische Lehrfilm aller Zeiten: My cousin Vinny (Mein Vetter Winnie, 1992)

Inhalt:

Billy und Stan, zwei Studenten aus New York, werden in einer Provinzstadt im tiefsten Süden der USA fälschlich eines Mordes beschuldigt. Aus Geldmangel wenden sie sich an Vincent „Vinny“ La Guardia Gambini (Joe Pesci), Billys Cousin und frisch gebackener Anwalt, um ihnen aus der Patsche zu helfen. Dessen Unbeholfenheit und Großstadtallüren kollidieren mit dem Südstaatenumfeld, und lassen für den Ausgang des Gerichtsverfahrens das Schlimmste befürchten. Vinny muss also schnell lernen, wie man einen Prozess führt….

Analyse:

Der Film ist eine typische 90er-Jahre „Fisch-aus-dem-Wasser-Komödie“, bei der die Komik aus dem Zusammenprallen von Stadt und Provinz entsteht. Was ihn aus der Masse (etwa von Filmen wie „Doc Hollywood“ oder „City Slickers“) hervorhebt, ist der ernste Hintergrund- den angeklagten Stadtjungs droht die Todesstrafe- und die Intelligenz von Drehbuch und Regie. Es ist nämlich extrem schwierig, bei so einem Thema immer die Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit zu behalten.„My cousin Vinny“ ist sehr lustig; aber gleichzeitig gelingt es dem Film, niemals die Bedrohlichkeit der Lage von Billy und Stan vergessen zu lassen.

Dass dieser Gleichgewichtssinn dem Film nicht abhanden kommt, liegt zum einen daran, dass er die provinziellen Südstaatler nicht als Dorfdeppen darstellt, und sie zwar mit Humor, aber niemals ohne Respekt behandelt.

Insgesamt sind der urbane Vinny und seine mitreisende (und mitreissende) Freundin Mona Lisa Vito (gespielt von Marisa Tomei, die dafür einen Oscar erhalten hat ) in viel grelleren Farben karikiert als die angeblichen Landeier. So weist der Richter des Provinzkaffs einen Abschluss von der Elite-Universität Yale auf, während Vinny sechs Anläufe gebraucht hat, um das Examen zu bestehen.

Zum anderen merkt man dem Film an, dass sowohl dem Drehbuchautor Dale Launer und als auch dem Regisseur Jonathan Lynn (der in Cambridge Jura studiert hat) die rechtsstaatlichen Prinzipien des Strafverfahrens am Herzen liegen.

Es stehen Filme mit größerer cineastischer Bedeutung auf dieser Liste, aber „My cousin Vinny“ ist mit Abstand der Film, bei dem das Handwerk der Strafverteidigung am besten dargestellt wird, und bei dem angehende Strafverteidiger:innen am meisten lernen könne. Die amerikanischen Prozessregeln werden genau dargestellt; darüber hinaus demonstriert Vinny, wie man richtig eigene Ermittlungen anstellt, wie man Zeuginnen und Zeugen befragt, und wie man Sachverständige vor Gericht präsentiert- all dies mit erheblichem Mehrwert, meine ich, auch für deutsche Strafverteidiger:innen.

Der amerikanische Bundesrichter Richard Posner lobte in seinem Buch „Law and Literature“ den Film als:

„besonders reich an Praxistipps: wie ein Strafverteidiger sich gegenüber einem feindseligen Richter behaupten muss, selbst wenn er den Richter damit verärgert, denn die vorrangige Zielgruppe des Anwalts sind die Geschworenen, nicht der Richter; wie ein Kreuzverhör über nebensächliche Dinge ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit eines Zeugen säen kann; wie Requisiten im Kreuzverhör effektiv eingesetzt werden können (das Maßband, das einen der Augenzeugen der Anklage demoliert); wie man Geschworene auswählt; wie man Sachverständige zu ihrer Qualifikation befragt und zu ihren Ergebnissen vernimmt , die Bedeutung der Brady-Doktrin . … wie man sich für eine Verhandlung kleidet; kontrastierende Methoden zur Durchführung eines Geschworenenprozesses; und vieles mehr.“

Kein Zufall, dass dieser Film immer wieder an amerikanischen Universitäten Jura-Studierenden gezeigt wird, um sie für die Wirklichkeit bei Gericht zu schulen.

Der Konflikt zwischen Stadt und Land, der hier noch verhalten den ernsten Hintergrund der heiteren Films bildet, hat mittlerweile in den USA zum Trump-Authoritarismus beigetragen, und ist auch einer der Gründe für den Aufstieg der rechtsextremen AFD.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Vinny-Darsteller Joe Pesci hat 1998 das Musik-Album „Vincent La Guardia Gambini sings just for you“ veröffentlicht, das mit dem Lied „Yo Cousin Vinny“ beginnt.

In der Netflixserie “Cobra Kai“ bietet Daniel Larusso seinem inhaftierten Rivalen Kreese an, einen Anwalt für ihn zu besorgen. Der antwortet: „It better be a good lawyer, not one of your greasy cousins“ (Sinngemäß: „Das sollte besser ein guter Anwalt sein, nicht einer deiner Spaghetti-Cousins“). Daniel wird von Ralf Macchio gespielt, der auch Billy in „My cousin vinny“ gespielt hat.

  1. Der Strafprozeß als Affentheater: Inherit the wind (Wer den Wind sät, 1960)

Inhalt:

USA 1925: Ein Gesetz in einem der Südstaaten verbietet es, in Schulen die Evolutionstheorie zu lehren. Als der Lehrer Bertram Cates in dem Städtchen Hilsboro dagegen verstößt, wird er im Klassenzimmer verhaftet. Unter großem Medieninteresse und mit öffentlichen Aufmärschen der örtlichen Evolutionsgegner wird gegen ihn ein Verfahren eröffnet, der bald landesweite Aufmerksamkeit erregt, und als der „Affenprozess“ bezeichnet wird. Die Anklage vertritt der berühmte Politiker, Laienprediger und Evolutionsgegner Matthew Brady (Fredric March); Cates wird von dem Zeitungsjournalisten Hornbeck (Gene Kelly) der bekannte Chicagoer Anwalt Henry Drummond (Spencer Tracy) gestellt. In einem aufsehenerregenden Rededuell treffen die beiden schließlich aufeinander,…

Analyse:

Wieder ein Film über den Konflikt zwischen den städtischen Nordstaaten und ländlichen Südstaaten der USA; diesmal basiert er auf einem realen Fall, nämlich dem in Dayton, Tennessee verhandelten „Monkey-Trial“ Prozess, in dem der Lehrer Paul Scopes wegen Verbreitung der Evolutionstheorie angeklagt war.

Scopes wurde durch den Staranwalt Clarence Darrow verteidigt; die Anklage vertrat der dreifache Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan.

Regie-Routinier Stanley Kramer, der u.a. auch „Das Urteil von Nürnberg“ drehte, und sich in seinem ganzen Schaffen immer wieder gegen Intoleranz und Rassismus engagierte, hat auch diesen Film als Fanal gegen Fanatismus inszeniert. Wenngleich er eine Fiktionalisierung ist, hält er sich eng an die wirklichen Geschehnisse; manches was wie ein gelungener Drehbucheinfall wirkt, ist tatsächlich so geschehen, und viele der besten Dialogzeilen stammen direkt aus den Gerichtsprotokollen.

Selbst der Umstand, dass Darrow/Drummond seinen Gegenspieler Brady/Bryan als Sachverständigen für Bibelfragen aufgerufen und vernommen hat, hat im wirklichen Prozessgeschehen stattgefunden.

Der Redewettstreit zwischen Brady und Drummond wird auf dem Höhepunkt des Films zu einem Schauspielduell zwischen Spencer Tracy und dem zweifachen Oscargewinner Fredric March, welches Kramers erfahrene Regie trotz der lange Dialoge niemals langweilig werden lässt.

Auch der gigantische Medienrummel, den der Film mit satirischer Schärfe aufs Korn nimmt, basiert auf der Realität. Der reale Prozess war das erste Ereignis, was in den USA live über das Radio übertragen wurde.

Auch die Jahrmarktsatmosphäre mit den Schaubuden und Verkaufsständen um das Gerichtsgebäude herum stammt aus der Wirklichkeit; einschließlich des Affen in Menschenkleidung, den sein Aussteller tatsächlich als Zeugen zum Beweis dafür angepriesen hat, dass der Mensch vom Affen abstammt.

Dabei kommt der Figur des von Gene Kelly gespielten Hornbeck, die auf dem berühmten Journalisten H.L. Mencken basiert, entscheidender Bedeutung zu. Gene Kelly nutzt die Leichtigkeit, die er vorher als Musicalstar und in der Rolle des D´Artagnan auf die Leinwand gebracht hat, um die Pointen und Wortspiele des zynischen Zeitungsmachers auf elegante Weise zu servieren. Zugleich macht der Film sehr klar, wie hohl und eigennützig sein Aktivismus ist.

In der Wirklichkeit ging die Inszenierung noch viel weiter als im Film:

Der „Affenprozess“ war nämlich von örtlichen Geschäftsleuten in Dayton geplant worden, die erfolgreich auf ein Spektakel spekulierten, das die dortige Wirtschaft ankurbeln würde. Im örtlichen „Robinsons Drugstore“ wurde Scopes überredet, als Angeklagter zu fungieren.

Ironie der Geschichte: während Stanley Kramer seinen Film 1960 als Parabel gegen den Mccarthyismus intendierte, ist es heute in den USA schwieriger als je zuvor, die Evolution an öffentlichen Schulen zu lehren. 38 Prozent der amerikanischen Teenager:innen glauben, dass Gott die Menschheit irgendwann in den letzten 10000 Jahren erschaffen hat, und 54 Prozent der Amerikaner:innen bezweifeln, dass der Mensch sich aus einer anderen Spezies entwickelt hat.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Der englische Originaltitel bezieht sich auf das Bibelzitat aus dem Buch der Sprichwörter (Spr 11, 29): „Wer sein eigenes Haus in Verruf bringt, wird Wind erben, und ein Tor muss des Weisen Knecht werden.“ Dagegen zitiert der deutsche Titel die bekanntere Bibelstelle im Buch Hosea (Hos 8, 7): „Wer Wind sät, wird Sturm ernten.“

  1. Die kongeniale Verfilmung des besten Gerichtskrimis: The lincoln lawyer (Der Mandant, 2011)

Inhalt:

Der Strafverteidiger Michael „Mickey“ Haller arbeitet in Los Angeles aus seiner Lincoln-Limousine heraus und übernimmt vor allem Fälle von zwielichtigen Klienten. Als er den reichen Louis Roulet verteidigt, der wegen Körperverletzung und versuchter Vergewaltigung angeklagt ist, erkennt Haller, dass der Fall viel komplexer und gefährlicher ist, als es zunächst scheint. Im Verlauf der Ermittlungen muss Haller sich nicht nur mit moralischen Fragen auseinandersetzen, sondern auch um sein eigenes Leben fürchten…

Analyse:

Der Autor der Buchvorlage Michael Connelly hatte vor seiner literarischen Karriere 15 Jahre als Kriminalreporter in Florida und in Los Angeles für die L.A. Times gearbeitet, und dafür u.a. eine Nominierung für einen Pulitzerpreis bekommen. Nachdem er zwölf Jahre lang sehr erfolgreich Kriminalromane geschrieben hatte, veröffentlichte er 2005 seinen ersten Gerichtsthriller „The lincoln lawyer“, dem mehrere weitere Romane mit Mickey Haller folgten.

Die kongeniale Verfilmung von Brad Furman wird, finde ich, ein bisschen unterschätzt, was daran liegen mag, dass Furman hauptsächlich als kompetenter Lieferant von Unterhaltungsware bekannt geworden ist.

Man muss auch gerechterweise sagen, dass die Qualität des Romans einen großen Anteil daran, dass der Film so gut ist. Connelly hat minutiös die rechtlichen Grundlagen recherchiert, und stellt Punkte wie Geschworenenauswahl, Strafverfahrensrecht und Verteidigungsstrategie besser dar, als z.B. John Grisham. Darüber hinaus kennt er aus seiner jahrelangen Tätigkeit als Kriminalreporter in L.A. die Stadt und ihr Strafrechtssystem wie seine Westentasche. Von dieser Authentizät des Buches schwappt einiges in die Verfilmung über; sie tritt auch in den semidokumentarisch angehauchten Bildern von Los Angeles zu Tage.

Völlig zutreffend, und mit einigem Aussagegehalt auch für deutsche Verhältnisse wird das Problem der „Jailhouse snitches“, der Gefängnisspitzel geschildert; also Insassen, die über angebliche belastende Äußerungen von Mitgefangenen aussagen, und sich dadurch einen Vorteil für ihr eigenes Strafverfahren sichern.

Noch mehr spricht für Buch und Film, dass ihr Hauptcharakter meiner Meinung nach das Wesen der Strafverteidigung sehr gut verkörpert. Mickey Haller stellt eine Mischung von Edelmut und Eigennutz dar und kann in Sekundenbruchteile von Selbstlosigkeit zur Selbsterhaltung wechseln. Das zeichnet ein realistischeres Anwaltsbild als z.B. die strahlende Heldenikone Atticus Finch (Gregory Peck) aus „To kill a mockingbird“ (Wen die Nachtigall stört, 1962), und bietet meiner Meinung nach auch einen interessanteren Charakter. Dass der Hauptdarsteller Matthew McConaughey die Rolle großartig ausfüllt, schadet dem Film auch nicht gerade.

„The lincoln lawyer“ ist darüber hinaus bis in kleinste Nebenrollen großartig besetzt (Ryan Philippe, Marissa Tomei (ja, die aus „My cousin Vinny“), Josh Lucas, Frances Fisher, John Leguizamo, Michael Pena, William H. Macy, Bryan Cranston, Shea Whigham) und mit einem tollen Soundtrack ausgestattet.

In Gerichtsfilmen wird viel geredet, aber seine größten Stärken beweist das Genre, wenn sich die Wahrheit im Prozessgeschehen ohne Worte offenbart, durch verräterische Gesten oder die Mimik der Protagonisten. In der Schlüsselszene des Films, wenn Mickey Haller im Gerichtssaal seinen letzten Trumpf ausspielt, entfaltet sich ein tödlicher Tanz der Blicke. Das ist tolles Kino.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Für Netflix hat David E. Kelley (Alley McBeal, Practice- Die Anwälte, Boston Legal) mit viel Erfolg eine „Lincoln Lawyer“-Fernsehserie produziert. Wer noch mehr „Lincoln Lawyer“ sehen will, kann auf Amazon Prime die Krimiserien „Bosch“ und „Bosch Legacy“ gucken, die auf weiteren Kriminalromanen von Connelly basieren. Hier nimmt die Anwältin Honey Chandler (Mimi Rogers) die Rolle in der Handlung ein, die in den Büchern Mickey Haller spielt.

  1. Ein schonungsloser Blick auf die wirtschaftliche Realität des Zivilprozesses: A civil action (Zivilprozess, 1998)

Inhalt:

Jan Schlichtmann ist ein erfolgreicher und skrupelloser Anwalt für Schadensersatz in Boston. Als die Einwohner des kleinen Ortes Woburn ihn und seine Kanzlei beauftragen, die Schuldigen für die überdurchschnittlich häufigen Todesfälle unter Kindern zu verklagen, legt er sich mit zwei Großkonzernen an, die er für die Verunreinigung des Trinkwassers verantwortlich macht. Im Laufe des Prozesses engagiert sich der ursprünglich zynische Schlichtmann immer mehr, und identifiziert sich mit dem Leid seiner Mandantinnen und Mandanten. Je mehr diese Entwicklung voranschreite, um so schwieriger wird es, den Finten seinen Kontrahenten unter Führung des erfahrenen Anwalts Jerome Facher (Robert Duvall) Paroli zu bieten. Gleichzeitig wachsen Schlichtmann und seinen Kollegen die immensen Kosten des Verfahrens immer mehr über den Kopf…

Analyse:

Wie in dem bekannten Film „Erin Brockovich“ geht es in diesem Film um einen Schadensersatzprozess gegen Großfirmen wegen Verunreinigung von Trinkwasser. In „Erin Brockovich“ meint der Anwalt Ed Masry zurTitelheldin, ein solcher Prozess sei für eine kleine Kanzlei wirtschaftlich unmöglich zu leisten, und würde den Ruin bedeuten. Brockovich, gespielt von Julia Roberts, fegt diese Einwände mit einer leidenschaftlichen Rede beiseite, und im Anschluss daran spielt der wirtschaftliche Hintergrund keine Rolle mehr.

„A civil action“ (der englische Titel stellt ein Wortspiel dar: der Begriff bedeutet sowohl Zivilklage als auch staatsbürgerliches Handeln) geht, völlig anders als „Erin Brockovich“, dem Thema der wirtschaftlichen Hintergründe einer Prozessführung nicht aus dem Weg, sondern zeigt schonungslos, nach welchen brutalen Regeln das Zivilverfahren in den USA funktioniert. Wie „Lincoln Lawyer“ Mickey Haller stößt auch Jan Schlichtmann auf die Schwierigkeit, beruflich Moral und Geld miteinander zu vereinbaren.

Wie „Inherit the wind“ und „Erin Brockovich“ basiert der Film auch auf realen Ereignissen, und die Namen der Charaktere sind die Namen der echten Personen. Ansonsten hält er sich nicht allzu sehr mit den komplexen Details der chemischen und geologischen Beweisführung auf. Dies hat dem Film von Seiten des wirtschaftsnahen „Wall Street Journal“ den Vorwurf eingehandelt, einseitige Propaganda gegen Unternehmen zu betreiben („Hollywood vs. the Truth“ WSJ 23.12.1998). Die betroffene Firma hat versucht, auf Disney einzuwirken, den Inhalt des Films zu verändern, und bei Kinostart eine Medienkampagne einschließlich eigener Homepage lanciert. (Wer sich für das reale Verfahren interessiert, sollte den gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von Jonathan Harr lesen, der die Grundlage für das Drehbuch lieferte).

Der Film konzentriert sich darauf, die finsteren Seiten des Rechtssystems zu zeigen. Es wäre durchaus möglich gewesen, den Stoff in eine Wohlfühl-Geschichte zu verwandeln, wie es Hollywood schon tausende Male getan hat. Die Wandlung von Jan Schlichtmann vom Egoisten zum selbstlosen Aktivisten hätte perfekt in das gängige Schema gepasst.

Statt dessen wird mit düsterer Konsequenz gezeigt, wie die Justiz die Reichen und Mächtigen protegiert. Dabei nutzt Regisseur und Drehbuchautor Steven Zaillian virtuos die erzählerischen Mittel, mit denen das klassische Hollywoodkino eine Geschichte vorantreibt, wie Ellipsen, prägnante knappe Dialogen und Bilder, die eine Situation schnell zusammenfassen. Selbst über eine Art bitteres Happy End verfügt „A civil action“. Letzen Endes wird eine unkommerzielle Geschichte in perfekter Weise mit den Formen des kommerziellen Genrekinos erzählt.

Gerichtsverfahren wie sie hier dargestellt werden, sind in Deutschland kaum vorstellbar. Hauptsächlich deswegen, weil Firmen hierzulande niemals so hohe Schadensersatzsummen zu befürchten haben. Nach amerikanischem Recht kann ein Schmerzensgeld nämlich so hoch bemessen werden, dass es für Unternehmen eine abschreckende Wirkung entfaltet („punitive damages“), was nach deutschem Recht verboten ist. Man kann darüber streiten, was besser ist.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

In der letzten Szene hat Kathy Bates („Misery“) einen Gastauftritt als Richterin, ohne namentlich im Abspann genannt zu werden. Sie ist der Darstellung der Jurisprudenz treu geblieben: mittlerweile spielt sie die Hauptrolle im aktuellen Remake der Anwaltsserie „Matlock“.

Robert Duvall, der den Anwalt der Gegenseite Jerome Facher spielt und dafür u.a. einen Golden Globe gewann, ist auch durch die Darstellung eines anderen Firmenjusititiars bekannt geworden, nämlich Tom Hagen, den Rechtsberater der Corleone Gruppierung.

  1. Lachen mit dem Mafioso: Find me guilty (Find me guilty- Der Mafiaprozess, 2006)

Inhalt:

In einem Mafiaprozess mit über 20 Angeklagten entscheidet sich einer von ihnen, Jackie DiNorscio (Vin Diesel), seinen Anwalt zu feuern und sich selbst zu verteidigen. Er stützt sich dabei auf seinen Mutterwitz und seine Schlagfertigkeit, bringt aber damit auch seine Mitangeklagten gegen sich auf, und gerät ins Fadenkreuz des Staatsanwalts…

Analyse:

Wieder ein Film, der auf einem realen Gerichtsverfahren beruht, dem 21-monatigen Verfahren gegen Mitglieder der Lucchese Mafiafamilie. Das Verfahren war damals das längste Strafverfahren in der amerikanischen Geschichte.

Weite Teile des Drehbuchs sind wörtlich aus den Gerichtsprotokollen übernommen worden.
Regisseur Sidney Lumet meinte, der Reiz für ihn, den Film zum drehen, bestand darin, dass die aberwitzigsten und lustigsten Stellen wirklich passiert seien, und bemühte sich deshalb um größtmöglichen Realismus.
Jackie DiNorscio ist witzig, manchmal unverschämt und manchmal obszön. Lumet verteilt seine Pointen auf den ersten Teil des Films; im weiteren Verlauf interessiert er sich immer mehr für die emotionalen und menschlichen Aspekte auf beiden Seiten der Konfliktparteien. In einer ausführlich ausgeführten und gut inszenierten Szene verabschieden sich z.B. vor der bevorstehenden Urteilsverkündung die Mafiosi von ihren Frauen und Kindern, da sie mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen.

„Find me guilty“ ist keine leidenschaftliche Anklage des Rechtsssystems, wie es „And Justice for all“ oder „A civil action“ sind. Aber man spürt im ganzen Film die erhebliche Skepsis, die Sidney Lumet der Justiz gegenüber empfindet.

Den juristischen Hintergrund des Films stellt der Umstand dar, dass sich in den USA Angeklagte unter Berufung auf den sechsten Verfassungszusatz auf das Recht berufen können, sich selbst zu verteidigen (wie es der Supreme Court in der Entscheidung Faretta v. California entschieden hat). In Deutschland dagegen ist es rechtlich verpflichtend, bei Fällen in denen eine Freiheitsstrafe von einem Jahr droht, oder die sehr schwierig sind, dass eine Anwältin oder ein Anwalt anwesend ist, unabhängig von den Wünschen der Angeklagten. Persönlich finde ich, unverteidigt in ein Strafverfahren zu gehen, ist wie aus dem Flugzeug springen ohne Fallschirm; und ich hoffe niemand zieht aus dem Film den Schluss, es sei eine gute Idee, sich selber zu verteidigen.

Aber „Find me guilty“ erinnert mich an eine andere Verhandlungssituation: manchmal verteidigt man einen Mandanten oder eine Mandantin der über die Gabe verfügt, authentisch zu sein, und dann ist es oft die richtige Entscheidung, ihn oder sie selber sprechen zu lassen, anstatt eine Anwaltserklärung abzugeben. Man beraubt sich sonst eines potentiell sehr wirkungsvollen Trumpfs.

Jackies Stärke in dem Prozess ist nicht sein Humor (der ihn fast ebenso oft in Schwierigkeiten bringt, wie er ihm hilft), sondern seine emotionale Ehrlichkeit und Offenheit. „It ain´t an act- that´s why he is dangerous“ (Das ist nicht gespielt- deswegen ist er gefährlich) meint der verbissene Staatsanwalt über ihn, und geht daran, Jackie aus dem Verfahren zu drängen. Und deswegen halten wir in diesem Film für ihn, auch wenn er ein Mafioso und Drogendealer ist.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Sowohl Regisseur Sidney Lumet als auch Darsteller Peter Dinklage (bekannt aus „Game of Thrones“) haben als Jurymitglied in Strafverfahren mitgewirkt.

Der echte Jackie DiNorscio hatte Vin Diesel als Darsteller für seine Rolle vorgeschlagen.

  1. Der Klassiker: Twelve angry men (Die zwölf Geschworenen, 1957).

Inhalt:

New York in den 50er Jahren; es ist der heisseste Tag des Jahres. In einem Zimmer sind die zwölf Geschworenen eines Mordprozesses eingeschlossen, und beraten über das Schicksal des Angeklagten . Schnell stellt sich heraus, dass elf ihn für schuldig halten, während ein Geschworener für nicht schuldig stimmt. Nicht nur die Raumtemperatur, sondern auch die Diskussionen werden bald hitzig…

Analyse:

Noch ein Film von Regisseur Sidney Lumet. Das ist kein Zufall, denn Lumet hat sich in seinem Werk immer wieder mit dem Thema Justiz beschäftigt; selbst in den Filmen von ihm, die keine Gerichtsfilme sind. Es hätten leicht auch noch weitere Filme von ihm auf dieser Liste landen können. (z.B. The Verdict, (The Verdict- Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, 1982). Bereits in diesem Film wird auch seine Skepsis der Justiz gegenüber deutlich. Der Film beginnt mit der Unterweisung der Geschworenen durch den Richter über die Bedeutung des Grundsatzes des „vernünftigen Zweifels.“ Zugleich belehrt er sie darüber, dass im Falle des Schuldspruches die Todesstrafe so gut wie fest steht. Nicht nur leiert er diese Belehrung im monotonen Tonfall herunter; er stützt dabei sein Gesicht auf die aufgestützte Hand wie ein gelangweilter Pennäler in der letzten Schulstunde. Zugleich werden wir durch diese Belehrung Teil der Jury.

Es ist keine besonders originelle oder überraschende Wahl, „Twelve angry men“ auf die Liste der besten Gerichtsfilme zu setzen- er ist ein, vielleicht der Klassiker des Genres. Es liegt auch auf der Hand, was seine Relevanz im Hinblick auf die Rechtswirklichkeit ausmacht. Der Wert des Zweifels und des Grundsatzes „Im Zweifel für den Angeklagten“ ist selten so gelungen verkörpert worden, wie in diesem Werk. Der Filmkritiker Rogert Ebert schrieb dazu: „Es ist ein Schnellkurs über jene Teile der Verfassung, die ein faires Verfahren und die Unschuldsvermutung gewährleisten.“

Weil dies so offensichtlich ist, möchte ich gerne die Aufmerksamkeit darauf lenken, wie gut der Film gedreht ist. Lumet legte großen Wert auf das, was er in seinem wunderbaren Buch „Making Movies“ als unsichtbaren Stil bezeichnete: die künstlerischen Mittel sollen der Geschichte dienen, und nicht der Profilierung des Regisseurs. Die Entscheidungen, die er bei der Inszenierung getroffen hat, sind dementsprechend unaufdringlich, aber imminent wirksam. Ich möchte gerne dazu einladen, sich den Film mindestens zweimal anzusehen, und beim zweiten Schauen nur darauf zu achten, wie Lumet durch Anordnung der Personen im Bild, durch die Wahl des Bildausschnitts und andere Mittel in jeder Szene mit filmischen, nicht theatralischen Mitteln ihre emotionale und inhaltliche Bedeutung unterstreicht und verstärkt.

Lumet und sein Kameramann Boris Kaufman benutzten im Fortgang des Filmes Linsen mit immer größerer Brennweite. Dadurch wirkt der Raum immer enger und enger. Parallel dazu wandert die Kamera im Laufe der Handlung von einer hohen Perspektive zu einer mittleren; im Schlussteil des Films ist die Kamera so tief positioniert, dass man die Decke sehen kann.

Beides zusammen erzeugt den klaustrophobischen Effekt, dass Wände und Decke unmerklich immer näher rücken; wir teilen mit den Geschworenen das wachsende Gefühl des Eingesperrtseins. In der letzten Aufnahme wandert die Kamera wieder nach oben, und die Szene ist mit einem Weitwinkelobjektiv aufgenommen, um das Publikum erleichtert aufatmen zu lassen.

In seinem bereits erwähnten Buch „Making Movies“ erklärt Lumet, dass jeder Film ein Thema hat; er führt einige seiner Filme als Beispiel auf, und beschreibt das ihnen zu Grunde legende Thema. Zu „Twelve angry men“ schreibt er nur ein einziges Wort:

Zuhören.

Unnützes Nerd- Wissen zum Film:

Regisseur Sidney Lumet war mit der Millionenerbin Gloria Vanderbilt verheiratet.

  1. Ein moderner und rechtskundiger Blick auf die Justiz: Anatomy of a murder (Anatomie eines Mordes, 1959)

Inhalt:

Der Provinzanwalt Paul Biegler (James Stewart) verteidigt in einer kleinen Stadt in Michigan den Soldaten Frederick Manion (Ben Gazzara), der einen Barbesitzer erschossen hat; angeblich, weil dieser seine Frau Laura (Lee Remick) vergewaltigt hat. Seine einzige Verteidigung: vorüber gehende Unzurechnungsfähigkeit.
Im Gerichtssaal entfaltet sich ein harter Kampf zwischen Anklage und Verteidigung…

Analyse:

Ein Film mit hervorragenden Zutaten: basierend auf einem vorzüglichen Justiz-Roman und Bestseller; mit Schauspiel-Legende James Stewart in der Hauptrolle und untermalt von einem Jazz-Soundtrack von keinem geringeren als Duke Ellington. Selbst das Filmplakat ist erstklassig: Saul Bass´ Entwurf ist mittlerweile im MOMA ausgestellt. Auch jede Menge juristisches Fachwissen stand bei dem Dreh zur Verfügung: der Autor der Buchvorlage war Richter am Obersten Gerichtshof von Michigan, und basierte die Handlung auf einem von ihm gewonnenen Mordfall aus der Zeit seiner Anwaltspraxis. Der Richter im Film wird von dem Anwalt Joseph N. Welch gespielt, der durch seine Befragung des berüchtigten Senators McCarthy berühmt geworden war,. Regisseur Otto Preminger war promovierter Jurist, und hatte vor seiner Emigration in Wien als Rechtsanwalt gearbeitet.
Aus diesen Ingredienzien hat Preminger einen ausgezeichneten Gerichtsfilm geschaffen:

„Von allen amerikanischen Gerichtsfilmen gilt Anatomy of a Murder… aufgrund seiner nüchternen, stilsicheren Inszenierung und der besonderen Architektonik der Prozeßsequenz als Klassiker schlechthin.“ schreibt Matthias Kuzina in seinem Buch „Der amerikanische Gerichtsfilm“.

Die amerikanischen Jura-Professoren Paul Bergman und Michael Asimow meinen:
Der Film ist vielleicht der düsterste und fesselndste Gerichtsfilm, der je gedreht wurde.“ ( „Reel Justice- The Courtroom goes to the movies.“)

Aus filmischer Sicht stechen die Gerichtsszenen hervor, für die Preminger einen Kamerakran im Gerichtssaal montierte, um die Bewegungen natürlich wirken zu lassen.

Irritierend wirkt allerdings aus moderner Sicht, wie der Film das Thema Vergewaltigung behandelt. Die zerrissene Unterhose von Laura ist Anlass für witzig gemeinte Bemerkungen, die entsprechendes Gelächter im Gerichtspublikum hervorrufen. Niemand scheint sich für die Folgen bei dem Opfer zu interessieren. Auch der Film zeigt keinerlei Konsequenzen der Tat bei Laura; sie wird als fröhliche, kokette Person gezeichnet, die keine Gelegenheit auslässt mit Biegler zu flirten.

Wer dem Film einen Vorwurf daraus machen möchte, sollte berücksichtigen, dass er immerhin das Thema für die damalige Zeit sehr offen abging, und dabei bewusst gegen die interne Selbstzensur der Filmwirtschschaft, den sogenannnten Hayes-Code verstieß (Der Film wurde wegen seiner eindeutigen Sprache in Chicago verboten, bis ein Gericht das Verbot aufhob).

Darüber hinaus gibt es neben den zeitbedingten Scheuklappen einen möglichen weiteren Grund für die Art, wie der Film Lauras Verhalten präsentiert: es bleibt nämlich durchgehend fraglich, ob Freddy den Barbesitzer nicht aus Eifersucht getötet hat, weil dieser Laura nicht vergewaltigt hat, sondern eine Affäre mit ihr hatte. Es bleibt völlig offen, was wirklich geschehen ist.

„Anatomy of a murder“ beginnt wie ein altmodischer Hollywoodfilm, wirkt aber in dieser Verweigerung sehr modern.

Auch in anderen Elementen löst er sich von hergebrachten Handlungsmustern. Den traditionellen Höhepunkt des Gerichtsfilms, die Plädoyers von Anklage und Verteidigung, lässt Preminger einfach entfallen. Der Film endet dadurch sehr abrupt, fast antiklimaktisch, wie die Jazzstücke, die den Film untermalen; und wie sie wirkt der Film dadurch fast wie improvisiert.

Ebenfalls ausgesprochen erfrischend: Der Film sucht keine Entschuldigungen dafür, dass der Anwalt möglicherweise einen schuldigen Angeklagten verteidigt. Manion wird sogar ausgesprochen unsympathisch gezeichnet.

Rechtsanwalt Biegler, der dem Angeklagten nicht direkt dazu raten darf, sich auf psychische Erkrankung zu berufen, zeigt ihm so deutlich die Alternativen auf, dass dieser selber meint, er sei wohl zur Tatzeit verrückt gewesen.

Der Jura-Professor Michael Asimow meint, dass dieses Verhalten zwar grenzgängerisch ist, aber sich noch im Rahmen des berufsrechtlich Zulässigen bewegt. (https://web.archive.org/web/20100303070430/http://www.usfca.edu/pj/articles/anatomy.htm)
Auch im deutschen Recht stellen solche Konstellationen eine schwierige Gradwanderung dar; wer sich dabei falsch verhält, kann sogar der Strafbarkeit wegen Strafvereitelung unterliegen.

Auch lobens- und erwähnenswert: dies ist der einzige Film, den ich kenne, in dem gezeigt wird, wie der Anwalt einen Erfolg im Gericht dadurch erzielt, dass er ausführliche Recherchen in einer juristischen Bibliothek unternimmt, und schließlich einen Präzedenzfall findet. Was für ein verrückter Plot-Twist! Was werden die Drehbuch-Autor:innen sich wohl noch alles einfallen lassen.

Darüber hinaus wird sogar die zugrunde liegende Rechtsfrage erklärt und erörtert. Es geht darum, ob ein psychisch kranker Straftäter nur dann straffrei davon kommt, wenn er unfähig ist, zwischen Recht und Unrecht zu entscheiden, oder auch dann, wenn er den Unterscheid zwar einsehen kann, aber aufgrund seiner Erkrankung trotzdem nicht handeln konnte.

Im deutschen Recht gibt es ähnliche Erwägungen. Nach deutschem Recht kann sowohl eine krankheitsbegründete Beeinträchtigung der sog. „Einsichtsfähigkeit“ als auch der sog. „Steuerungsfähigkeit“ zu einer niedrigeren Strafe oder sogar Straflosigkeit führen.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Das berühmte Filmplakat von Saul Bass wurde für Spike Lees Film „Clockers“ kopiert- ob als eine Hommage oder als ein Plagiat, sei dahingestellt.

  1. Ein meisterhaftes Vexierspiel über die Rätsel der menschlichen Psyche: Rashomon (Rashomon- Das Lustwäldchen, 1950)

Inhalt:

Japan im Mittelalter. Am Rashomon, einem zerfallenen Stadttor aus den Befestigungsanlagen Kyotos, treffen ein Mönch, ein Holzfäller und ein einfacher Bürger aufeinander. Sie reden über einen kürzlich statt gefundenen Kriminalfall, bei dem der Mönch und der Holzfäller als Zeuge ausgesagt hat: der berühmte Räuber Tajomaru (Toshiro Mifune) soll einen Samurai erschlagen und dessen Frau vergewaltigt haben.
Aber alle Aussagen vor Gericht waren vollkommen widersprüchlich. Wo ist die Wahrheit?

Analyse:

Der Film ist ein Meisterwerk, nicht nur der vielleicht beste Gerichtsfilm, sondern nach Ansicht vieler einer der besten Filme aller Zeiten (10. Platz bei den 100 besten Filmen aller Zeiten , Village Voice im Jahr 2000; 9.Platz bei den 10 besten Filmen, Umfrage Sight& Sound 2002).

Die drei Handlungsebenen (das Treffen vor dem Tor, die Abläufe bei Gericht, und das Tatgeschehen im Wald) sind meisterhaft ineinander verwoben, ohne jemals zu verwirren.
Wind und Wetter sind, wie oft bei Kurosawa, gleichzeitig eindrucksvolle Kulisse des äußeren Geschehens und wirksamer Ausdruck der inneren Vorgänge in den Personen.

Die Kamera bewegt mit fließender Leichtigkeit; der durch die Blätter des Waldes fallende Sonnenschein zeichnet Schatten auf die Gesichter und Körper der Menschen, und schafft ein Zwielicht, das dem ambivalenten Inhalt des Filmes entspricht.

„Diese Geschichte, die werde ich nie verstehen“- mit diesem Satz des Holzfällers beginnt der Film, und der Mönch meint dazu: „Wenn man sie versteht, dann würde man auch die Menschen verstehen.“

Vier Zeugenaussagen stehen unvereinbar gegenüber; keine ist der anderen vorzuziehen.
Auch in der Gerichtswirklichkeit widersprechen sich die Aussagen von Zeuginnen und Zeugen oft. Mittlerweile gibt es einen Forschungsbereich dazu, die Aussagepsychologie, und es gibt Methoden, mit einer gewissen Verlässlichkeit wissenschaftlich zu erkennen, ob jemand lügt oder nicht.
In den deutschen Gerichten werden solche Expert:innen nur sehr selten hinzugezogen; bedauerlicherweise haben die Angeklagten kein Recht darauf, zu verlangen, dass eine Aussage psychologisch auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wird. Denn nach der obergerichtlichen Rechtsprechung soll es zur „ureigensten“ Aufgabe des Gerichts gehören, selber die Glaubhaftigkeit einer Aussage zu prüfen- ein Einfallstor für zahlreiche Fehlurteile.

In „Rashomon“ hat die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung hat im Film eine tiefergehende geselllschaftliche und philosophische Bedeutung.
Das titelgebende Tor „Rashomon“ (jap. f. „Stadtmauertor“) steht in der japanischen Literatur für einen Ort, an dem sich zwielichtige Gestalten und Verbrecher verstecken oder Leichen und ungewollte Babys abgelegt werden und ist damit Symbol für moralischen Zerfall in Notzeiten und endzeitliche Stimmung. Der Film spiegelt – fünf Jahre nach Hiroshima und Nagasacki- die verzweifelte Stimmung im Nachkriegsjapan wider.
„Ja es sind schreckliche Zeiten. Unwetter, Kriege, Hungersnöte und entsetzliche Armut.“ meint der Mönch.
Für den Film sind die widersprechenden Aussagen nicht nur ein unlösbares Rätsel, sondern Ausdruck der existenziellen Fehlerhaftigkeit des per se egoistischen Menschen.
Anders als der Bürger, der im Film die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu erkennen, als Rechtfertigung für seinen Egoismus herbeizieht, reagiert der Film auf den Zweifel, der hier eine existenzphilosophische Qualität hat, mit einem Appell an die grundlegende Humanität. Ein Film, den Strafrichterinnen und Strafrichter verpflichtet werden sollten, einmal im Monat anzusehen.

Unnützes Nerd-Wissen zum Film:

Regisseur Kurosawas „Die sieben Samurai“ diente als Blaupause für den erfolgreichen Western „Die glorreichen Sieben“. Auch „Rashomon“ diente als Westernvorlage, nämlich für Martin Ritts „The Outrage (Carrasco der Schänder 1964)“- allerdings wesentlich erfolgloser.
Darüber hinaus gibt es ein aktuelles thailändisches Remake (U mong pa meung, 2011).